Julia Zimmermann wollte herausfinden, warum ihre Hüfte schmerzt. Heute führt sie in Konstanz ein 13-köpfiges Medtech-Unternehmen, in das bislang knapp 4,8 Millionen Euro geflossen sind. EVERSION will nun zeigen, dass sich eine individuell gefertigte medizinische Lösung für Tausende Menschen standardisieren lässt – ohne dabei die individuelle Anpassung zu verlieren.
Irgendwann begann Julia Zimmermann, Verabredungen danach zu planen, wie viel sie laufen oder stehen musste. Ihre Hüfte schmerzte, MRT und Röntgen blieben unauffällig. An der Medizin selbst habe sie nie gezweifelt, erzählt Zimmermann. Wohl aber daran, dass jemand die Ursache finden würde. „Bei jeder Verabredung oder Aktivität mit Freunden oder im Job habe ich überlegt, wie viel ich laufen oder stehen muss – und ob ich nicht lieber absagen sollte. Mich hat das irgendwann traurig und auch etwas einsam gemacht.“
Dann lernte sie Wolfgang Triebstein kennen. Der Orthopädieschuhtechniker ließ Zimmermann mit Sensorsohlen in ihren normalen Schuhen laufen. Dabei zeigte sich etwas, das bei den bisherigen Untersuchungen nicht aufgefallen war: Ihr linker Fuß kippte beim Gehen stark nach außen, der rechte nach innen. Dazu kamen eine Beinlängendifferenz und zu kurze Schuhe. „Wolfgang war der Erste, der mir eine plausible Erklärung für meine einseitigen Hüftschmerzen geben konnte.“

Triebstein fertigte ihr eine individuell angepasste Einlegesohle. Nach drei Wochen habe sie deutliche Veränderungen gespürt, nach vier Wochen seien die Schmerzen komplett verschwunden, sagt Zimmermann. Bis heute. Für sie war damit nicht nur ein persönliches Problem gelöst.
„Das muss größer werden“
„Ich hatte sofort den Gedanken: Wolfgang hat nicht nur für mich eine Lösung“, erinnert sie sich. „Da war klar: Das muss größer werden als ein einziges Geschäft vor Ort.“
Ganz fremd waren ihr Unternehmertum und Medizintechnik damals nicht. Zimmermann, Jahrgang 1998, ist Wirtschaftsingenieurin und lebt seit ihrem Studium 2018 in Konstanz. Vor EVERSION arbeitete sie bei Gründerschiff in der Gründungsberatung und im Online-Marketing des Medizintechnikherstellers SIC Invent. Im November 2023 gründete sie gemeinsam mit ihrem Team EVERSION.
Das Prinzip beginnt mit einer sensorbasierten Ganganalyse in den normalen Alltagsschuhen. Anders als klassische Einlagen, die häufig auf Grundlage eines barfuß genommenen Fußabdrucks gefertigt werden und den Fuß stützen oder betten sollen, verfolgt EVERSION einen anderen Ansatz.
Die sogenannte 0°-Sohle bleibt auf ihrer Oberseite flach und stabil. Angepasst wird sie von unten. Dadurch soll die Stellung des Fußes im Schuh verändert und damit die Beinachse und die weitere Bewegungskette beeinflusst werden. Die Sohle soll den Fuß dabei nicht einfach stützen oder betten, sondern seine Stellung im Schuh verändern. Die Muskulatur soll weiterhin aktiv bleiben.
Sensorbasierte Ganganalysen gibt es auch bei anderen Anbietern. Der interessantere Teil beginnt bei EVERSION danach: Aus den Messdaten entsteht ein individuell berechnetes Fräsmodell.
Wissen, das lange stark an einen Spezialisten und sein Ganglabor gebunden war, soll so in einen reproduzierbaren Prozess übersetzt werden. Genau hier beginnt die eigentliche wirtschaftliche Frage.

Wie automatisiert man Individualität?
Jede 0°-Sohle ist individuell. Trotzdem soll ihre Herstellung nicht jedes Mal von vorne beginnen. Aus den Messdaten erstellt die Software von EVERSION automatisch das jeweilige Fräsmodell. Wolfgang Triebstein prüft dieses anschließend und gibt es frei. Danach wird die Sohle automatisiert gefräst. Damit versucht EVERSION, individuelle Fertigung in einen weitgehend standardisierten und automatisierten Prozess zu übersetzen.
Zimmermann sieht die Fertigung deshalb derzeit nicht als grundsätzliches Hindernis für Wachstum. Mit steigenden Stückzahlen könne sie perspektivisch zum Engpass werden, sagt sie, der Prozess werde jedoch laufend optimiert.
Die interessantere Frage liegt damit eine Ebene früher: Wie viel menschliches Expertenwissen lässt sich in Software und standardisierte Abläufe übersetzen – und an welcher Stelle braucht es weiterhin einen Spezialisten?
Für EVERSION ist das entscheidend. Ein digitaler Kurs lässt sich nahezu beliebig vervielfältigen. Auch die Erstellung des Fräsmodells läuft automatisiert. Doch jede Sohle bleibt ein individuelles Medizinprodukt. Wachstum bedeutet deshalb nicht, Individualisierung abzuschaffen, sondern sie reproduzierbar zu machen.
Gestartet ist EVERSION direkt über das Internet. Inzwischen arbeitet das Unternehmen auch mit Therapeuten zusammen, mit einer ersten Sanitätshauskette läuft laut Zimmermann ein Pilotprojekt. Bei der Kostenerstattung geht das Team ebenfalls einen pragmatischen Weg. EVERSION kombiniert das Produkt mit einem digitalen Präventionskurs und ermöglicht damit nach Unternehmensangaben eine Erstattung durch gesetzliche Krankenkassen.
„Das war schlichtweg Pragmatismus“, sagt Zimmermann über den gewählten Weg.
Doch Wachstum hängt in der Medizintechnik nicht nur an Software, Fertigung und Vertrieb.
IN ZAHLEN
4,8
Mio. Investment
13
Leute arbeiten im Team
11.2023
Gegründet in Konstanz
Erster Tag, erster Test, durchgefallen
Bei den Prüfungen für die CE-Zertifizierung fiel EVERSION direkt am ersten Tag beim ersten Test durch. „Ich sah unseren gesamten Markteintritt schon um sechs Monate verschoben“, sagt Zimmermann.
Der Fehler wurde innerhalb einer Woche gefunden und behoben. Trotzdem blieb der Moment hängen. „Man erlebt manchmal sogar täglich oder stündlich Rückschläge.“ Hardware, Fertigung, Zulassung und wissenschaftliche Evidenz müssen gleichzeitig funktionieren.
Eine randomisiert-kontrollierte Studie mit der Universität Konstanz umfasst laut Zimmermann bislang 38 Teilnehmende und wird auf 100 erweitert. Weitere klinische Studien sollen folgen. Gleichzeitig verweist sie auf Erfahrungen von mehr als 5.000 Menschen, die die 0°-Sohle über Triebsteins Ganglabor oder den EVERSION-Webshop nutzen.
Dazu kommen Finanzierungsrunden. Zimmermann beschreibt sie als viele Gespräche mit Investoren, viele Ratschläge und „viel scharfe und ungeschönte Kritik“. Es koste Kraft, in solchen Phasen stark zu bleiben. Heute besteht EVERSION aus 13 Personen. Knapp 4,8 Millionen Euro sind nach Angaben Zimmermanns bislang insgesamt in das Unternehmen geflossen.
Die Frage ist damit längst nicht mehr, ob aus ihrer persönlichen Erfahrung überhaupt ein Unternehmen werden kann. Sondern wie viel von dem, was ursprünglich im Kopf und in den Händen eines einzelnen Spezialisten steckte, sich in einen Prozess übersetzen lässt, der für Tausende Menschen funktioniert.
Der Spezialist bleibt im Prozess
Die Software erstellt das Fräsmodell automatisch, auch die Fertigung läuft weitgehend automatisiert. Dazwischen bleibt Wolfgang Triebstein: Er prüft jedes Modell und gibt es frei.
Damit bleibt Expertenwissen Teil des Prozesses, auch wenn wesentliche Schritte bereits automatisiert sind. Für weiteres Wachstum wird entscheidend sein, wie EVERSION diese Kombination aus Software, individueller Fertigung und menschlicher Kontrolle organisiert.
„Bis ans Ende der Welt“
Dass EVERSION ausgerechnet in Konstanz entstanden ist, verkauft Zimmermann nicht als romantische Standortentscheidung. „Für unser Startup wäre ich bis ans Ende der Welt gegangen, wenn es hilfreich gewesen wäre – und würde das auch heute noch tun.“

Gerade in der Medizintechnik habe sie am Bodensee aber Menschen und Strukturen gefunden, die den langen Weg zwischen Idee und Zulassung verstehen und mittragen. Inzwischen zieht EVERSION selbst Menschen in die Region. Die meisten Mitarbeitenden kommen bislang aus Süddeutschland, einige sind erst vor Kurzem nach Deutschland gezogen. Im Team arbeiten Menschen verschiedener Nationalitäten, gesprochen wird Englisch.
Für die nächste Wachstumsphase sieht Zimmermann dennoch Lücken. In den ersten ein bis zwei Jahren gebe es in der Region viel Unterstützung, danach werde es schwieriger. Es fehle an Kapital für größere Runden, an Sichtbarkeit und an einer gemeinsamen Strategie für den gesamten Bodenseeraum.
„Es passiert hier mehr, als man von außen wahrnimmt.“
Die Idee für EVERSION entstand nicht aus einem großen Forschungsprogramm, sondern aus einer sehr persönlichen Frage: Warum tut meine Hüfte weh?
Aus der Antwort darauf wurde ein Produkt. Aus dem Produkt wurde ein Unternehmen. Und aus dem Wissen eines Orthopädieschuhtechnikers soll nun ein Prozess werden, der auch dann funktioniert, wenn EVERSION nicht mehr Hunderte, sondern Tausende Menschen erreicht.
Ob daraus ein großes Unternehmen wird, hängt deshalb nicht nur an der nächsten Finanzierungsrunde. EVERSION muss zeigen, dass sich sein Zusammenspiel aus Software, Expertenwissen und individueller Fertigung auch in deutlich größeren Stückzahlen organisieren lässt. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, Individualität so zu standardisieren, dass sie trotzdem individuell bleibt.
Titelfoto: Mit KI-Unterstützung erstellt




Mitreden