Wolfhalden / Nachfolge / Kapital und Eigentum

Was bleibt von einem Familienunternehmen ohne Familie?

Vier Generationen lang gehörte Bopp der Gründerfamilie. Dann starb Peter Bopp ohne Nachkommen und hinterließ sämtliche Firmenanteile einer Stiftung. Heute wird in Wolfhalden weiter produziert und investiert – und die Frage ist: Wer entscheidet, wenn die Familie als Eigentümer verschwunden ist?

Führende Hersteller von Metallgleweben; Foto: BOPP

Vier Generationen lang gehörte der Spezialist für Metallgewebe der Familie Bopp. Dann starb Peter Bopp ohne Nachkommen und hinterließ sämtliche Firmenanteile einer Stiftung. In Wolfhalden wird weiter produziert und investiert. Doch die eigentliche Frage beginnt erst jetzt: Wer sorgt für unternehmerischen Druck, wenn der Unternehmer verschwunden ist?

Peter Bopp hatte ein Problem, das viele Unternehmer irgendwann erreicht: Was passiert mit der Firma, wenn niemand aus der Familie übernimmt? Ein Verkauf wäre ein naheliegender Weg gewesen – an einen Wettbewerber, einen Industriekonzern oder einen Investor. Bopp entschied sich anders. Als er 2023 starb, gingen sämtliche Aktien der G. BOPP + CO. AG an die von ihm gegründete Peter Bopp Stiftung für Forschung und Technik. Nach vier Generationen endete damit der Familienbesitz. Die Firma blieb unabhängig.

Fotocredit: G. BOPP + Co. AG

In Wolfhalden im Appenzeller Vorderland, oberhalb des Bodensees, laufen die Webmaschinen weiter. Bopp fertigt dort hochpräzise Metallgewebe für industrielle Anwendungen. Rund 480 Menschen arbeiten weltweit für die Gruppe, etwa 230 davon in der Schweiz. Jährlich verarbeitet das Unternehmen rund 300 Tonnen Metall. Der feinste verwobene Draht misst gerade einmal 0,011 Millimeter.

Doch interessanter als die Produkte ist heute eine andere Frage: Wer entscheidet über ein Unternehmen, wenn es keinen Unternehmer aus der Eigentümerfamilie mehr gibt?

IN ZAHLEN

1881

Gründung des Unternehmens

28

Millionen Kilometer Draht pro Jahr

480

Mitarbeiter weltweit

Die Firma bleibt. Der Unternehmer fehlt.

Peter Bopp war Eigentümer und Unternehmer zugleich. Wenn eine größere Investition anstand, Geld im Unternehmen bleiben sollte oder ein Risiko eingegangen werden musste, gab es am Ende jemanden, dessen Firma und Vermögen auf dem Spiel standen.

Heute sind diese Rollen verteilt. Das Management führt das operative Geschäft, der Verwaltungsrat trägt die strategische Verantwortung, die Stiftung hält die Aktien. Das kann Kontinuität schaffen: Niemand muss beim nächsten Generationenwechsel erneut klären, wer das Unternehmen erbt oder ob es verkauft wird. Gleichzeitig muss unternehmerische Verantwortung nun ohne Eigentümerfamilie funktionieren.

Denn eine Stiftung nimmt schwierige Entscheidungen nicht ab. Wenn eine Maschine Millionen kostet, ein Markt einbricht oder ein Standort unter Druck gerät, müssen weiterhin Menschen Ja oder Nein sagen.

Finanzielle Eigenständigkeit spielt für Bopp dabei eine wichtige Rolle. Das Unternehmen gibt an, seinen Finanzbedarf fast vollständig aus Eigenkapital zu decken. Sales-&-Marketing-Direktor Roger Walch beschreibt Unabhängigkeit als Voraussetzung dafür, schnell auf veränderte Kundenbedürfnisse reagieren zu können.

„Finanziell weiter die heutige Unabhängigkeit zu wahren.“

Roger Walch, Sales & Marketing Director
Roger Walch, Mitglied der Geschäftsleitung bei der G. BOPP + Co. AG

Wer macht Druck, wenn der Eigentümer fehlt?

Genau hier liegt die Schwäche, die im vermeintlichen Vorteil stecken kann. Ein börsennotiertes Unternehmen bekommt permanent Rückmeldung vom Kapitalmarkt. Investoren erwarten Rendite, Analysten hinterfragen Entscheidungen, der Aktienkurs reagiert. Bei Private Equity ist der finanzielle Druck ebenfalls klar. Und ein Familienunternehmer spürt schlechte Entscheidungen irgendwann im eigenen Vermögen.

Eine Stiftung kann einen Teil dieses kurzfristigen Drucks herausnehmen. Das ist attraktiv, wenn eine Investition erst in zehn Jahren Wirkung zeigt oder ein schwieriges Jahr ausgehalten werden muss. Gerade Industrieunternehmen können von einem längeren Zeithorizont profitieren.

Aber Ruhe ist nicht automatisch Stärke. Wenn niemand verkaufen kann, kein Aktienkurs fällt und kein Eigentümer persönlich Geld verliert, stellt sich die umgekehrte Frage: Was verhindert Bequemlichkeit?

Große Unternehmen zeigen, dass Stiftungseigentum grundsätzlich wettbewerbsfähig sein kann. ZEISS, Bosch, MAHLE oder Körber arbeiten seit Jahrzehnten mit Stiftungen oder stiftungsnahen Eigentümermodellen und konkurrieren international. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Konstruktion von selbst funktioniert. Auch dort braucht es Kontrolle, Leistungsdruck und Menschen, die unangenehme Entscheidungen treffen.

Der Unterschied liegt weniger darin, ob Druck existiert, sondern darin, woher er kommt.

Langfristiges Eigentum ist nur dann ein Vorteil, wenn langfristig nicht mit bequem verwechselt wird.

Für Bopp ist genau das die eigentliche Bewährungsprobe.

Fotocredit: Gemeinde Wolfhalden

Warum weiter in Wolfhalden?

In Wolfhalden wird diese Eigentumsfrage sehr konkret. Produktion in der Schweiz ist teuer, die Gruppe arbeitet international. Trotzdem setzt das Unternehmen nach eigener Darstellung bewusst auf „In- statt Outsourcing“. Automatisierung, Produktivität, eine hohe Fertigungstiefe und spezialisiertes Wissen sollen die höheren Kosten auffangen.

Der Standort wird dabei nicht nur erhalten. Auch nach Peter Bopps Tod wird in Wolfhalden weiter investiert und die Produktion erweitert. Damit bekommt die Nachfolgeregelung eine Bedeutung, die über eine juristische Konstruktion hinausgeht: Es geht um Maschinen, Know-how und Arbeitsplätze im Appenzeller Vorderland.

Auch die lange Betriebszugehörigkeit passt dazu. Nach Unternehmensangaben arbeitet rund die Hälfte der Beschäftigten seit mehr als zehn Jahren bei Bopp. Das beweist nicht, dass eine Stiftung automatisch der bessere Eigentümer ist. Es zeigt aber, welchen Wert Kontinuität in einem Industrieunternehmen haben kann, dessen Wissen vielfach in Menschen und Prozessen steckt.

Alte Webmaschinen in Wolfhalden

Eine Stiftung garantiert trotzdem keinen Standort. Wenn Wolfhalden dauerhaft nicht mehr konkurrenzfähig wäre, müssten Verwaltungsrat und Management reagieren. Alles andere wäre keine langfristige Unternehmensführung, sondern das Aufschieben eines Problems.

Genau deshalb wäre es zu einfach, Peter Bopps Entscheidung als besonders verantwortungsvolle Lösung zu feiern. Ein Verkauf hätte ebenfalls Vorteile haben können. Ein großer Industriekonzern hätte möglicherweise mehr Kapital, neue Technologien oder Zugang zu zusätzlichen Märkten gebracht. Wachstum kann unter einem neuen Eigentümer schneller gehen. Peter Bopp entschied sich für etwas anderes: Eigenständigkeit.

Die größere Nachfolgefrage

Damit wird der Fall für die Bodenseeregion interessant. Rund um den See sitzen zahlreiche Familienunternehmen, deren Eigentum über Jahrzehnte oder Generationen in wenigen Händen geblieben ist. Wenn die Eigentümer älter werden und Nachfolger fehlen, wird häufig zuerst gefragt: Wer übernimmt die Geschäftsführung?

Die wichtigere Frage lautet womöglich: Wem gehört die Firma danach? Denn Geschäftsführer lassen sich ersetzen. Eigentümerwechsel verändern oft deutlich mehr. Ein neuer Konzern kann Kapital bringen, aber auch Zentralfunktionen verlagern, Werke zusammenlegen oder Investitionen anders verteilen. Private Equity kann Wachstum beschleunigen, verlangt aber eine andere Renditelogik. Eine Stiftung wiederum kann Eigentum langfristig binden – muss Unternehmertum dafür institutionell organisieren.

Peter Bopps Lösung ist also kein allgemeines Rezept. Sie zeigt lediglich eine Möglichkeit, Führung und Eigentum voneinander zu lösen. Die Stiftung verfolgt zudem einen eigenen Zweck: Sie fördert angewandte Forschung in Technik und Naturwissenschaften und verfügt dafür über ein jährliches Förderbudget von rund 1,5 Millionen Franken. Wie genau Geld zwischen Unternehmen und Stiftung fließt, ist öffentlich nicht ersichtlich. Aus dem Förderbudget lässt sich deshalb nicht ableiten, dass Bopp jährlich diesen Betrag ausschüttet.

2026 wurde das Unternehmen zudem erstmals als Schweizer „Best Managed Company“ ausgezeichnet. Das ist kein Beweis dafür, dass die Eigentümerstruktur besser funktioniert als ein Verkauf. Es ist aber ein Hinweis darauf, dass drei Jahre nach dem Tod Peter Bopps nicht einfach Stillstand eingekehrt ist.

Fotocredit: G. BOPP + Co. AG

Der eigentliche Test kommt erst noch

Bislang spricht vieles für Kontinuität: Bopp beschäftigt weiterhin mehrere hundert Menschen, produziert in der Schweiz, investiert in Wolfhalden und hält an seiner finanziellen Unabhängigkeit fest. Ob die Stiftung tatsächlich der bessere Eigentümer ist, lässt sich daraus nicht ableiten.

Der entscheidende Moment kommt, wenn eine Investition groß genug ist, um weh zu tun. Wenn eine Technologie ersetzt werden muss, ein Wettbewerber aggressiv investiert oder ein Standort seine Kosten nicht mehr verdient. Dann zeigt sich, ob langfristiges Eigentum den nötigen Spielraum schafft – oder ob irgendwann genau der Druck fehlt, den ein Unternehmer oder Kapitalmarkt erzeugen würde.

Für andere Familienunternehmen liegt darin das eigentliche Learning: Nachfolge beginnt nicht mit der Frage nach dem nächsten Geschäftsführer. Sie beginnt mit der Frage, wem das Unternehmen in zehn oder zwanzig Jahren gehören soll – und wer dann die Verantwortung trägt, wenn es schwierig wird.

Peter Bopp hat die erste dieser Fragen beantwortet. Er hat geregelt, wem seine Firma nach seinem Tod gehört. Die schwierigere Frage hat er den Menschen nach ihm hinterlassen:

Wer handelt wie ein Eigentümer, wenn es keinen mehr aus der Familie gibt?

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