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Vom Bodensee bis Singapur: Das Erbe des Bäderkönigs

Josef Wund begann als Maurer in Friedrichshafen und baute später einige der größten Thermen Deutschlands. Heute wächst die Idee hinter seinen Anlagen weit über Deutschland hinaus – getragen von neuem Kapital und internationalen Plänen.

Josef Wund begann als Maurer in Friedrichshafen und baute später einige der größten Thermen Deutschlands. Was einst nach besonders großen Freizeitbädern aussah, entwickelt sich heute zu einem internationalen Geschäft mit Milliardenkapital und neuen Projekten von Manchester bis Singapur. Und ein Teil des Know-hows kommt noch immer vom Bodensee.

In Singapur entsteht gerade eine Urlaubswelt auf mehr als 720.000 Quadratfuß. Mehrere Ebenen, Wasser, Pflanzen, Gesundheitsangebote und Erholung mitten in einer Millionenstadt. 2030 soll die neue Therme eröffnen. In Manchester wird ebenfalls gebaut, in Dallas sind die Planungen einen wichtigen Schritt weiter. Gleichzeitig lotet Therme Group mit Marriott International aus, wie sich Wellness, Hotellerie und Reisen künftig noch stärker verbinden lassen.

Was hat das mit dem Bodensee zu tun? Mehr, als man zunächst denkt. Denn ein Teil der Geschichte hinter diesem Geschäft beginnt in Friedrichshafen – mit Josef Wund, einem Maurer, Architekten und Bauingenieur, der aus Schwimmbädern irgendwann ganze Urlaubswelten machte. Vier seiner großen deutschen Thermen gehören heute zu Therme Horizon, einer gemeinsam von Therme Group und dem Finanzinvestor CVC aufgebauten Plattform. Zusammen mit Bukarest kommen die fünf Standorte nach Angaben der Gruppe inzwischen auf mehr als fünf Millionen Besuche im Jahr. Das Interessante daran ist weniger, dass die Eigentümer gewechselt haben. Interessant ist, was aus der Idee dahinter geworden ist.

Fotocredit: THERME Bad Wörishofen Marketing

Vom Maurer zum Ortebauer

Josef Wund wird 1938 in Friedrichshafen geboren. Sein Vater ist Pferdekutscher. Wund absolviert eine Maurerlehre, arbeitet als Maler und studiert später Architektur und Bauingenieurwesen. Bereits mit 27 Jahren realisiert er die Messehalle 1 in Friedrichshafen – nach Angaben seiner Stiftung damals die größte freitragende Gasbeton-Hängedach-Halle der Welt. Es folgen Jahrzehnte als Architekt und Unternehmer.

Es ist eine Biografie, die erstaunlich gut zum Bodensee passt. In einer Region, in der andere Motoren, Flugzeuge, Getriebe oder Anlagen entwickeln, beschäftigt sich Wund mit der Frage, wie man große und technisch anspruchsvolle Gebäude möglich macht. Irgendwann verändert sich allerdings sein Produkt. Er baut nicht mehr nur Hallen. Er baut Orte, an denen Menschen ihre Freizeit verbringen wollen.

1999 eröffnet die Therme Erding. Später entstehen Bad Wörishofen, Titisee-Neustadt, Sinsheim und Euskirchen. Das Prinzip ähnelt sich: große Glasflächen, echtes Grün, Palmen, warmes Wasser, Saunen, Gastronomie und Unterhaltung. Nicht einfach schwimmen, sondern für einige Stunden aus dem Alltag verschwinden. Genau darin steckt die wirtschaftlich interessante Idee. Ein klassisches Bad verkauft in erster Linie Wasserfläche und Eintritt. Eine Destination kann wesentlich mehr verkaufen: Aufenthalt, Essen, Anwendungen, Sauna, Unterhaltung und teilweise Übernachtungen. Aus dem Schwimmbad wird ein Tagesausflug, aus dem Tagesausflug ein Kurzurlaub. Wund machte aus Wasser ein Reiseziel.

Aus einem deutschen Modell wird eine Plattform

Nach Josef Wunds Tod 2017 entwickelt sich sein Lebenswerk in verschiedene Richtungen weiter. Sein Sohn Jörg führt Erding und Bad Wörishofen. Die von Josef Wund gegründete Stiftung hält die Häuser in Sinsheim, Euskirchen und Titisee-Neustadt. Ende 2024 übernimmt Therme Group Erding. 2025 folgt die Vereinbarung zur Übernahme der drei Stiftungsthermen. Heute sind die vier Häuser gemeinsam mit Therme Bukarest unter Therme Horizon gebündelt.

Dahinter steht inzwischen erheblich mehr Kapital. Therme Group und CVC gründeten Therme Horizon in einer Transaktion mit einem Wert von mehr als einer Milliarde Euro. CVC bringt dabei nicht nur Geld ein, sondern die Finanzkraft eines großen internationalen Investors. Die Plattform soll bestehende Anlagen weiterentwickeln, neue Standorte aufbauen und weitere Übernahmen ermöglichen. Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung. Aus Häusern, die stark mit einem einzelnen Unternehmer verbunden waren, wird eine professionelle internationale Plattform.

Seit Juni 2026 führt Christian Woller Therme Horizon. Zuvor war er mehr als zwei Jahrzehnte bei Merlin Entertainments tätig und verantwortete unter anderem Legoland- und weitere Freizeitparkgeschäfte in Europa und Asien. Das Thermengeschäft rückt damit organisatorisch näher an jene Welt heran, in der Freizeitdestinationen wie Resorts und große Entertainmentangebote geführt werden.

Ein Markt mit erstaunlich viel Nachfrage

Dass viel Kapital in diese Branche fließt, überrascht zunächst. Große Thermen sind teuer. Hallen müssen beheizt und entfeuchtet, Wasser bewegt und aufbereitet werden. Personal, Technik und Instandhaltung kosten Geld. Während der Energiekrise gehörten Freizeitbäder deshalb zu jenen Betrieben, bei denen besonders schnell die Frage aufkam, ob sich das Geschäftsmodell langfristig überhaupt rechnen kann.

Die Nachfrage hat sich bislang erstaunlich robust gezeigt. 2025 meldeten 67 Prozent der von der European Waterpark Association befragten Freizeitbäder und Thermen in Deutschland stabile oder steigende Besucherzahlen. In Österreich erreichten Thermen und Solebäder 2025 sogar einen neuen Besucherrekord. Das macht große Anlagen aus Investorensicht interessant: Es gibt Nachfrage, aber zugleich einen hohen Kapitalbedarf. Genau dort kann Größe zum Vorteil werden. Mehrere Standorte können Know-how teilen, Investitionen gemeinsam finanzieren, Einkauf und Verwaltung bündeln und neue Technologien schneller einsetzen.

Wie stark sich das Geschäft verändert, zeigt Bad Wörishofen. Seit der Eröffnung 2004 kamen dort bis August 2024 rund 13,2 Millionen Gäste. Gleichzeitig investiert die Therme in ihre Energieversorgung. Photovoltaik über dem Parkplatz soll bei guten Bedingungen den gesamten Strombedarf und bis zu 75 Prozent des Wärmebedarfs abdecken können. Das Investitionsvolumen wurde mit rund 2,3 Millionen Euro angegeben.

Das ist mehr als eine ökologische Frage. Energie wird Teil des Geschäftsmodells. Wer große künstliche Urlaubswelten betreiben will, muss künftig nicht nur schöne Palmenwelten bauen, sondern auch beweisen, dass sie technisch und wirtschaftlich effizient funktionieren.

Foto: THERME Bad Wörishofen / Youtube

Jetzt wird es international

Der vielleicht spannendste Teil dieser Geschichte beginnt deshalb erst jetzt. In Manchester wird an einer neuen Großanlage gebaut. Ende 2028 soll dort nach Unternehmensangaben Europas größte wasserbasierte Wellbeing-Destination eröffnen. In Singapur erfolgte im Juni 2026 der Spatenstich für eine Anlage mit mehr als 720.000 Quadratfuß Fläche, die 2030 eröffnen soll. In Dallas wurde im August ein weiterer Planungsschritt genehmigt. Daneben nennt die Gruppe Projekte oder Vorhaben unter anderem in Washington, Toronto, Dubai, Incheon und im Rhein-Main-Gebiet.

Damit verändert sich auch das Produkt. Therme Group nennt ihre Anlagen heute „Wellbeing Infrastructure“. Das ist Unternehmenssprache, dahinter steckt aber eine interessante Entwicklung: Die Grenzen zwischen Therme, Freizeitangebot, Gesundheitsort, Hotel und Resort verschwimmen.

Dass Therme Group im August 2026 eine strategische Zusammenarbeit mit Marriott International bekannt gab, passt dazu. Gemeinsam sollen unter anderem neue Konzepte rund um Kundenerlebnis, Design, Wellness und mögliche internationale Entwicklungen untersucht werden. Aus dem Thermenbesuch könnte damit ein wesentlich größeres Geschäft entstehen: ein Wochenende statt eines Nachmittags, ein Hotelzimmer zusätzlich zum Eintritt, Gesundheitsangebote neben Sauna und Pool, Gastronomie neben Unterhaltung. Genau das macht die Entwicklung so interessant. Josef Wunds Häuser waren schon früh mehr als Schwimmbäder. Jetzt wird dieses Prinzip konsequent weitergedacht.

IN ZAHLEN

48

Mio. EUR kostete Therme Bad Wörishofen

650.000

€ Wert der Palmen in Bad Wörishofen

80.000

m2 Grundstück in Bad Wörishofen

Der Bodensee bleibt im Maschinenraum

Dabei wäre es falsch zu behaupten, Therme Group kopiere einfach Josef Wunds Modell in die Welt. Robert Hanea und sein Unternehmen haben eine eigene Geschichte, eigene Konzepte und eigene internationale Pläne. Aber die Verbindung zwischen beiden Seiten reicht weit zurück.

Therme Group bezeichnet Wund Holding in Friedrichshafen bis heute als strategischen Partner. Die Unternehmen bündelten Architektur- und Technikkompetenz in Therme ARC. Gemeinsam arbeiten sie unter anderem an einem neuen Thermenprojekt in Bad Vilbel bei Frankfurt. Und genau hier wird die Geschichte für den Bodensee besonders interessant. Die großen Gebäude stehen längst anderswo. Das Kapital kommt heute teilweise von internationalen Investoren. Die nächsten Standorte entstehen tausende Kilometer entfernt. Aber Know-how aus Friedrichshafen steckt weiterhin in diesem System.

Das kennt man aus der Region normalerweise aus anderen Branchen. Ein Unternehmen entwickelt am Bodensee eine Technologie und verkauft sie weltweit. Bei Wund ist das Produkt ungewöhnlicher: Es geht um das Wissen, wie man Wasser, Architektur, Pflanzen, Technik und Erlebnis zu einem Ort verbindet, für den Menschen mehrere Stunden anreisen.

Josef Wund / Foto: THERME Bad Wörishofen Marketing

Eine Idee wird größer als ihr Gründer

Vielleicht liegt darin auch die positivere Antwort auf die Frage, was aus Josef Wunds Lebenswerk geworden ist.
Vier seiner großen Thermen haben heute andere Eigentümerstrukturen. Bad Wörishofen wird weiterhin von seinem Sohn Jörg geführt. Seine Stiftung besteht in neuer Rechtsform weiter und soll mit dem von Wund geschaffenen Vermögen gesellschaftliche Projekte in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Kreativität fördern. Wasser bleibt ihr Leitmotiv.

Vor allem aber ist die Idee hinter diesen Orten nicht stehen geblieben. Sie bekommt mehr Kapital, neue Manager, neue Partner und neue Märkte. Was vor Jahrzehnten in Deutschland noch wie ein ungewöhnlich großes Thermalbad wirkte, wird heute als Mischung aus Freizeit, Gesundheit, Hospitality und Stadtentwicklung neu interpretiert. Ob daraus tatsächlich ein weltweites Erfolgsmodell wird, ist noch offen. Projekte dieser Größe sind teuer, kompliziert und energieintensiv. Singapur, Manchester oder Dallas müssen erst zeigen, ob sich die hohen Erwartungen erfüllen.
Aber genau darin liegt die Zukunft dieser Geschichte.

Ein Maurer aus Friedrichshafen begann irgendwann, nicht mehr nur Gebäude zu bauen, sondern Orte, an denen Menschen ihre freie Zeit verbringen wollten. Jahrzehnte später investieren internationale Unternehmen Milliarden in die Frage, wie solche Orte in den Metropolen der Zukunft aussehen könnten. Vielleicht war Josef Wunds wichtigstes Bauwerk deshalb tatsächlich keine einzelne Therme. Sondern die Erkenntnis, dass Menschen bereit sind, für einen Ort zu reisen, an dem sie für ein paar Stunden das Gefühl haben, ganz woanders zu sein.

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