Bei doubleSlash hält eine Mitarbeitergesellschaft rund ein Viertel der Firma, ZF die Mehrheit, Gründer Konrad Krafft den Rest. Krafft glaubt an Beteiligung – aber nicht an Wunder. Gerade jetzt, da KI die Softwarearbeit verändert, Entwicklung internationaler wird und das Geschäft unter Druck steht, zeigt sich, was dieses Modell tatsächlich kann.
Konrad Krafft sagt, ihn treibe vor allem eines an: „Mein Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit. Der war irgendwie schon immer da.“ Das klingt zunächst nach einem ziemlich klassischen Motiv für einen Gründer. Interessanter ist, was Krafft daraus gemacht hat. Statt möglichst viel bei sich zu halten, hat er bei doubleSlash über Jahre Eigentum, Wissen und Entscheidungen verteilt.
1999 gründete er das Softwareunternehmen gemeinsam mit fünf weiteren Informatikern und Ingenieuren in Friedrichshafen. Heute beschäftigt doubleSlash rund 250 Menschen an den Standorten Friedrichshafen, Stuttgart und München. 2025 setzte das Unternehmen rund 29 Millionen Euro um. ZF hält mit 51 Prozent die Mehrheit, rund ein Viertel gehört der Mitarbeitergesellschaft.
Krafft erklärt die Beteiligung weniger mit Managementtheorien als mit seiner Vorstellung davon, wie ein Unternehmen funktionieren sollte.
„Mit dem Gedanken eines Klassenkampfs zwischen Arbeitnehmern auf der einen und Unternehmern auf der anderen Seite konnte ich noch nie etwas anfangen. Das ist nicht meine Welt. Meine Vision ist Zusammenarbeit.“

Menschen, die in einem Unternehmen arbeiten, sollen auch davon profitieren, wenn es wirtschaftlich gut läuft. Mehr verspricht Krafft allerdings nicht.
Beteiligung ohne Wunder
„Dass daraus automatisch außergewöhnliche Motivation oder übermenschliche Leistungen entstehen, sollte man nicht erwarten“, sagt Krafft. Wenn Beteiligung zusätzliche Motivation freisetze, freue ihn das. Sie vorauszusetzen, „wäre naiv“. Das ist bemerkenswert nüchtern für ein Instrument, das gerne als Antwort auf Mitarbeiterbindung, Motivation und Unternehmenskultur verkauft wird.
Krafft sieht es pragmatischer. Mitarbeitende wollen sichere Arbeitsplätze und Perspektiven. Als Miteigentümer haben sie zusätzlich ein Interesse daran, dass sich das Unternehmen wirtschaftlich gut entwickelt. Und hat die Mitarbeitergesellschaft schon einmal eine Entscheidung tatsächlich verändert?
„Nein, bislang nicht. Aber sie könnte.“
Unterschiedliche Interessen würden oft schon berücksichtigt, bevor Entscheidungen getroffen werden. Diskussionen gebe es durchaus, etwa darüber, wie langfristig eine Strategie angelegt sein soll.
Auch am Modell selbst habe er bislang nicht gezweifelt. Nur seine Erwartungen daran bleiben überschaubar. Mitarbeitende sollen ihre Arbeit bestmöglich machen und Entscheidungen mittragen, die der langfristigen Entwicklung des Unternehmens dienen. Beteiligung ersetzt weder Leistung noch Führung. Gerade deshalb wird interessant, was jetzt passiert.

Jetzt muss das Modell liefern
doubleSlash kommt aus vielen Jahren des Wachstums. 2024 lag der Umsatz noch bei 35,3 Millionen Euro, 2025 waren es rund 29 Millionen. Vor allem das Automotive-Geschäft geriet unter Druck.
Für die Geschichte ist weniger entscheidend, wie stark einzelne Branchen schwanken. Interessanter ist, dass ein Modell, das in wachsenden Jahren aufgebaut wurde, nun unter schwierigeren Bedingungen funktionieren muss. Krafft formuliert den Maßstab dafür auffallend knapp. Woran würde er in einem Jahr erkennen, dass der eingeschlagene Weg funktioniert?
„Daran, dass trotz widriger Marktbedingungen Umsatz und Gewinn wieder steigen.“
Keine große Theorie. Das Unternehmen muss Geld verdienen. Gleichzeitig verändert sich aber genau die Arbeit, mit der doubleSlash sein Geld verdient.
IN ZAHLEN
29
Mio. EUR Umsatz 2025
250
Mitarbeitende
51 %
hält ZF an doubleSlash
Human in the Loop
Künstliche Intelligenz werde inzwischen in nahezu allen Bereichen eingesetzt, sagt Krafft: in der Softwareentwicklung, in der Beratung und bei Dokumenten genauso wie in Marketing und Vertrieb. Das größte Potenzial sieht er in höherer Produktivität. Viel manuelle Arbeit an Dokumenten und Softwarecode könne entfallen. Spannender ist, was danach vom Menschen verlangt wird.
„Die Arbeit verschiebt sich dadurch vom Selbstmachen hin zum klaren Beschreiben von Aufgaben und zum sorgfältigen Prüfen der Ergebnisse.“
doubleSlash nennt das Prinzip „Human in the Loop“. Ein Mensch trägt am Ende die Verantwortung für das Ergebnis. Damit berührt Krafft eine Frage, die weit über doubleSlash hinausgeht: Was bleibt als Wettbewerbsvorteil eines Softwarehauses, wenn KI immer mehr Code selbst erzeugen kann?

Bei doubleSlash lautet die Wette offenbar: Gute Leute werden nicht weniger wichtig. Ihre Arbeit verändert sich. Gefragt sind Menschen, die ein Problem verstehen, Aufgaben präzise formulieren und beurteilen können, ob ein Ergebnis wirklich funktioniert.
Das könnte auch verändern, wie Softwarehäuser, Beratungen und Agenturen künftig um die besten Köpfe konkurrieren. Wenn KI gute Fachleute produktiver macht, steigt möglicherweise gerade der Wert jener Menschen, die Erfahrung, Fachwissen und Urteilskraft verbinden. Mitarbeiterbeteiligung kann dann ein Argument sein, sie langfristig zu binden. Krafft wäre allerdings vermutlich der Letzte, der behaupten würde, dass sie allein genügt.
Kultur lässt sich nicht exportieren
Auch die Frage, wo diese Menschen arbeiten, beantwortet doubleSlash heute anders als noch vor einigen Jahren. Das Unternehmen ist inzwischen an Softwarefirmen in Bulgarien und Paraguay beteiligt. Entwicklung wird damit internationaler organisiert. Dahinter stehen zusätzliche Kapazitäten, Zugang zu Fachkräften – und eine wettbewerbsfähigere Kostenstruktur.
Wie bringt man die Kultur eines Friedrichshafener Softwareunternehmens nach Bulgarien oder Paraguay? Krafft widerspricht schon der Frage.
„Kultur können und wollen wir nicht übertragen. Kultur ist das, was im Alltag gelebt wird.“
Zu den bestehenden Kulturen kämen nun bulgarische und paraguayische hinzu. Die neuen Teams sollen also nicht einfach eine Kopie von Friedrichshafen werden. Sie verändern umgekehrt auch doubleSlash.
Was sich standardisieren lässt, sind Prozesse und Wissen. Krafft erzählt von einer Aufgabe, für die mehrere Kollegen gebraucht werden. Sie wandert über Friedrichshafen und Stuttgart nach Paraguay und wieder zurück.
„Alle haben die Aufgabe und eine professionelle Lösung im Blick“, sagt er. Im System könne er verfolgen, wie sie bearbeitet werde. Am Ende mache es nur noch wenig Unterschied, wo die Kollegen sitzen.
Das ist auch für den Bodensee interessant.
Lange lautete eine zentrale Standortfrage: Wie bekommt man die besten Köpfe nach Friedrichshafen, Dornbirn oder St. Gallen? Inzwischen kommt eine zweite hinzu:
Welche der besten Köpfe müssen überhaupt noch hier sitzen?
Gerade für einen Wirtschaftsraum mit vielen Industrieunternehmen könnte das entscheidend werden. Software, KI und andere Wissensarbeit lassen sich internationaler organisieren. Unternehmen müssen deshalb gleichzeitig attraktiv genug sein, um starke Leute am Bodensee zu halten – und gut genug organisiert, um mit Menschen zusammenzuarbeiten, die tausende Kilometer entfernt sitzen. doubleSlash probiert beides.

Was sich verteilen lässt
Damit führt vieles zurück zu Kraffts Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit. Wer unabhängig sein will, könnte versuchen, möglichst viel selbst zu kontrollieren. Krafft hat eher das Gegenteil getan. Eigentum lässt sich teilen. Wissen lässt sich zugänglich machen. Arbeit lässt sich über Ländergrenzen organisieren. KI kann Aufgaben übernehmen.
Nur an einem Punkt zieht Krafft eine klare Grenze. Ein Mensch muss am Ende beurteilen, was richtig ist. Jemand muss für das Ergebnis einstehen. Vielleicht ist das die eigentliche Wette von doubleSlash: Arbeit kann internationaler, verteilter und durch KI produktiver werden – solange nicht unklar wird, wer die Verantwortung trägt. Ob diese Wette aufgeht, wird sich nicht an schönen Organigrammen zeigen. Krafft hat seinen Maßstab bereits genannt: Umsatz und Gewinn müssen wieder steigen.
Ganz klar Fischbach
Bei aller Internationalisierung liegt Kraffts persönlicher Fixpunkt ziemlich nah am Firmensitz. Wenn er nicht arbeitet, fährt er mit seiner Frau Fahrrad, spielt Beachvolleyball, wandert, liest oder kümmert sich um Haus und Garten.
Und welcher Ort am Bodensee bedeutet ihm besonders viel?
„Ganz klar Fischbach. Hier wurden meine Familie und ich vor fast dreißig Jahren herzlich aufgenommen.“
Nur wenige Kilometer weiter ist doubleSlash groß geworden. Inzwischen arbeitet das Unternehmen über Kontinente hinweg, KI übernimmt immer mehr Aufgaben und ein schwierigerer Markt verlangt neue Antworten.
Krafft möchte, dass doubleSlash aus dieser turbulenten Zeit gestärkt und robuster hervorgeht – als zuverlässiger Partner für Kunden und als zuverlässiger Arbeitgeber. Sein Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit hat ihn dabei nicht dazu gebracht, alles selbst in der Hand behalten zu wollen. Er verteilt lieber.




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