Allgäu

Der Käsehersteller, der sich selbst Konkurrenz macht

Im Hinterland des Bodensees verdient Hochland Milliarden mit Käse – und baut zugleich an dessen Alternative. Simply V zeigt, wie weit ein Konzern gehen muss, wenn er sich lieber selbst Konkurrenz macht.

Hochland verkauft jedes Jahr mehr als 400.000 Tonnen Käse. Gleichzeitig baut das Familienunternehmen aus Heimenkirch mit Simply V ein Geschäft aus, dessen Produkte klassischen Käse ersetzen können. Was zunächst widersprüchlich klingt, ist eine ziemlich konsequente Strategie.

Heimenkirch hat knapp 3.500 Einwohner. Bei Hochland arbeiten am Stammsitz rund 1.400 Menschen. Weltweit beschäftigt die Gruppe 6.313 Menschen, 2025 setzte sie 2,54 Milliarden Euro um und verkaufte 438.012 Tonnen Käse. Hochland befindet sich seit der Gründung 1927 vollständig in Familienbesitz, wird heute aber von einem professionellen Vorstand geführt.

Von Heimenkirch, rund 20 Kilometer vom Bodensee entfernt, steuert Hochland längst ein internationales Geschäft. Und genau hier begann das Unternehmen vor gut zehn Jahren damit, Produkte zu entwickeln, die ohne Milch auskommen. Daraus entstand Simply V.

Wer heute im Supermarkt zu einer Packung greift, dürfte nicht zwangsläufig an Hochland denken. Simply V tritt eigenständig auf und hat wenig mit Grünländer, Almette, Patros oder den bekannten Hochland-Käsescheiben gemein. Wirtschaftlich gehören beide Welten aber zusammen: Der Konzern, der Hunderttausende Tonnen klassischen Käse verkauft, gehört zugleich zu den frühen großen Anbietern pflanzlicher Käsealternativen in Deutschland.

Fotocredit: Hochland Deutschland GmbH, Heimenkirch

Käse ohne Milch

Die Geschichte beginnt 2014. Bei Hochland beschäftigte sich ein Team mit Veränderungen im Ernährungsverhalten. Immer mehr Menschen wollten zumindest einen Teil ihrer Ernährung pflanzlicher gestalten, dabei aber nicht auf Produkte verzichten, die sich wie Käse verwenden ließen.

Ein kleines Team begann deshalb, an Alternativen zu arbeiten. Die Beteiligten kamen aus der klassischen Lebensmittel- und Käseherstellung im Allgäu. Eine der prägenden Personen war Caroline Zimmer. Hochland bezeichnet die Molkerei- und Wirtschaftsingenieurin selbst als „Frau der ersten Stunde“ von Simply V. Mit ihrem Team entwickelte sie die ersten Produkte, 2015 kam der Simply-V-Streichgenuss in den Handel.

Für das neue Geschäft gründete Hochland die E.V.A. GmbH. Simply V bekam damit über Jahre eine eigene organisatorische Heimat innerhalb der Gruppe. Warum Hochland diese Struktur genau wählte und welche Freiheiten daraus entstanden, ist öffentlich nicht im Detail dokumentiert. Fest steht aber: Das Unternehmen stellte das neue Geschäft organisatorisch neben jenes, mit dem es seit Jahrzehnten erfolgreich war. Und das Geschäft funktionierte.

Simply V wurde früh Marktführer. Der damalige Hochland-Chef Peter Stahl erklärte 2021 gegenüber dem Handelsblatt, die E.V.A. GmbH arbeite bereits seit 2019 profitabel. Seine Begründung dafür, warum ein Käsehersteller selbst in Käsealternativen investiert, war bemerkenswert einfach: Warum sollte Hochland ein mögliches Zukunftsgeschäft anderen überlassen?

Hochland musste damals nicht wissen, wie viele Menschen zehn Jahre später pflanzlichen Käse essen würden. Das Unternehmen musste nur entscheiden, ob es zuschauen wollte, falls neben seinem Kerngeschäft ein neuer Markt entsteht – oder selbst daran teilnehmen.

IN ZAHLEN

323

Mio. kg Milch pro Jahr

1927

Hochland gegründet

< 1 %

Pflanzlicher Marktanteil

Fotocredit: Hochland / Youtube

Lieber selbst Konkurrenz machen

Das klassische Geschäft dominiert Hochland bis heute. Marken wie Hochland, Almette, Grünländer und Patros sind weiterhin das Fundament der Gruppe. 438.012 Tonnen Käse im Jahr sprechen eine eindeutige Sprache.

Simply V war deshalb nie die Entscheidung gegen Käse, sondern eine zusätzliche Option. Wenn Menschen klassischen Käse kaufen, verdient Hochland daran. Wenn ein Teil der Kundschaft weniger tierische Produkte konsumieren möchte, kann das Unternehmen ebenfalls etwas anbieten.

Man kann das Kannibalisierung nennen. Man kann es auch als Absicherung verstehen: Ein Unternehmen wartet nicht darauf, dass ein anderer Anbieter sein Geschäft angreift, sondern beginnt früh selbst, Fähigkeiten in einem möglichen neuen Markt aufzubauen. Dahinter steckt eine Frage, die viele etablierte Unternehmen betrifft: Wie erneuert man ein Geschäft, das noch gut funktioniert?

Rund um den Bodensee betrifft das viele wichtige Arbeitgeber, die seit Jahrzehnten bestehen und entscheiden müssen, welche Teile ihres Geschäfts auch morgen noch tragen – und wo etwas Neues entstehen muss. Bei Hochland liegen Alt und Neu inzwischen im selben Kühlregal.

Fotocredit: Simply V / Youtube

Der Markt wird schwieriger

Simply V hat die erste Aufgabe gelöst. Die Marke hat gezeigt, dass Menschen pflanzliche Käsealternativen kaufen, wurde Marktführer und war nach Angaben des damaligen Hochland-Chefs schon wenige Jahre nach der Gründung profitabel.

Inzwischen hat sich die Aufgabe verändert. Der deutsche Markt für pflanzliche Lebensmittel wächst insgesamt weiter, bei Käsealternativen kommt er derzeit allerdings kaum voran. 2025 sank der Umsatz mit pflanzlichem Käse um 7,4 Prozent, während die verkaufte Menge mit rund 7,5 Millionen Kilogramm nahezu unverändert blieb. Der Anteil am gesamten Käsemarkt liegt weiterhin unter einem Prozent.

Auch Simply V ist heute nicht mehr so dominant wie in den ersten Jahren. Neue Anbieter und Handelsmarken sind hinzugekommen, der Wettbewerb ist größer geworden. Nach aktuellen Angaben von Hochland kommt Simply V auf einen Umsatzmarktanteil von 24,8 Prozent im deutschen Lebensmittelhandel und in Drogeriemärkten. Damit ist Simply V laut Hochland weiterhin die größte Marke im Segment der pflanzlichen Alternativen.

Das macht Simply V nicht zum Misserfolg. Es bedeutet aber, dass Hochland heute eine andere Frage beantworten muss:

Wie viel Geschäft steckt langfristig in dieser Kategorie?

Die Antwort darauf scheint inzwischen über Simply V hinauszugehen.

Aus der Marke wird ein Geschäftsfeld

Seit 2024 bindet Hochland das pflanzliche Geschäft enger an seine bestehenden Strukturen. Rund 120 Mitarbeitende aus den Operations-Bereichen der E.V.A. GmbH wechselten zu Hochland Deutschland. Seit Januar 2025 gehört auch Simply V zur Hochland Deutschland GmbH. Markenführung und Vertrieb wurden integriert, pflanzliche Produkte werden inzwischen an den Hochland-Standorten Heimenkirch und Schongau hergestellt. Die bisherige E.V.A.-Struktur wurde vollständig in Hochland eingegliedert.

Die E.V.A. GmbH gehörte auch zuvor zur Hochland-Gruppe. Neu ist vielmehr, dass das Geschäft nicht mehr in derselben Eigenständigkeit organisiert wird wie während seiner Aufbauphase. CFO Hubert Staub bezeichnete die pflanzliche Kategorie als der „Startup“-Phase entwachsen. Dairy-free solle künftig ein fester Pfeiler des Unternehmenserfolgs werden.

Fotocredit: CFO Hubert Staub / Hochland

Dabei geht es längst nicht mehr nur um Simply V. Hochland versteht Dairy-free inzwischen als Geschäftsfeld, das neben Markenprodukten auch Handelsmarken und Foodservice umfasst. In der ersten Phase war vor allem die Marke wertvoll. In der nächsten könnte es stärker um das Wissen dahinter gehen: Rezepturen, Rohstoffe, Produktion, Qualität und Vertrieb.

Gerade in einem Markt, der nicht mehr automatisch schnell wächst, kann das ein Vorteil sein. Ein Milliardenunternehmen mit bestehenden Fabriken und Handelsbeziehungen hat andere Möglichkeiten als ein spezialisierter Neueinsteiger. Vielleicht liegt darin sogar die eigentliche Logik hinter der organisatorischen Entwicklung von Simply V. Am Anfang brauchte das Neue Abstand vom Stammgeschäft. Jetzt könnte es die Größe des Stammgeschäfts brauchen.

1.400 Arbeitsplätze in einem Ort mit 3.500 Einwohnern

Welche Bedeutung solche Entscheidungen haben, zeigt Heimenkirch. Knapp 3.500 Menschen leben in der Gemeinde, rund 1.400 arbeiten am Hochland-Standort. Viele Beschäftigte kommen aus dem Westallgäu und der weiteren Bodenseeregion, trotzdem macht schon das Verhältnis sichtbar, welche wirtschaftliche Rolle das Unternehmen spielt.

Solche Unternehmen prägen die Region: international tätig, aber mit ihren Entscheidungszentren bis heute in vergleichsweise kleinen Orten. Ihre Transformation betrifft nicht nur neue Produkte, sondern Produktionsstandorte, Beschäftigte und lokale Arbeitsmärkte.

Ein Startup kann sein Geschäftsmodell vergleichsweise schnell ändern. Ein fast hundert Jahre altes Unternehmen mit Fabriken, Marken, Kunden und Tausenden Beschäftigten kann das nicht. Es muss das Neue entwickeln, während das Alte weiter funktionieren muss. Genau das versucht Hochland.

Fotocredit: Hochland / Youtube

Nicht warten, bis das Alte verschwindet

Die erste Phase von Simply V lässt sich inzwischen recht klar beurteilen: Hochland erkannte früh einen neuen Markt, baute eine führende Marke auf und machte das Geschäft nach eigenen Angaben bereits ab 2019 profitabel. Nun beginnt eine andere Phase. Der Markt wächst kaum, die Konkurrenz ist größer geworden und Hochland integriert das Geschäft stärker in seine bestehenden Strukturen. Aus einer einzelnen Marke soll eine breitere Kompetenz für pflanzliche Produkte werden.

Wie groß das Dairy-free-Geschäft innerhalb von Hochland inzwischen tatsächlich ist, lässt sich von außen nur begrenzt beurteilen. Umsatz und Ergebnis des Bereichs weist das Unternehmen nicht separat aus. Klar ist deshalb vor allem die strategische Richtung: Hochland will Dairy-free neben seinem klassischen Käsegeschäft zu einem festen Bestandteil des Unternehmens entwickeln. Welche wirtschaftliche Größenordnung daraus einmal entstehen kann, wird sich erst zeigen.

Hochland wartet jedenfalls nicht darauf, dass sein traditionelles Geschäft unter Druck gerät, bevor es nach einer Alternative sucht. Das Unternehmen baut Neues auf, solange das Alte stark genug ist, diesen Aufbau zu tragen. Darin steckt ein Gedanke, der weit über Käse hinausgeht: Ein Unternehmen muss sein Kerngeschäft nicht aufgeben, um sich auf dessen mögliche Veränderung vorzubereiten. Es kann früh genug damit beginnen, sich selbst Konkurrenz zu machen. In Heimenkirch lässt sich beobachten, wie das aussehen kann.

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