Die besten Hinweise für eine neue Krebstherapie sucht Humion bei jenen Patienten, deren eigene Immunantwort außergewöhnlich gut ist. In Buchs soll aus diesen Ausnahmefällen etwas werden, das sich auf viele übertragen lässt – medizinisch und unternehmerisch.
Humion hat zwei Jahre für den nächsten großen Schritt. So lange ist das Biotech-Unternehmen nach eigenen Angaben finanziert – und ungefähr dann soll erstmals eine eigene Krebstherapie am Menschen getestet werden. Lukas Flatz und sein Team müssen dafür aus den außergewöhnlichen Immunreaktionen einzelner Patienten einen belastbaren Therapiekandidaten entwickeln. Daniel Risch baut parallel Finanzierung, Team und Partnernetzwerk auf. Der eine ist Arzt, der andere ehemaliger Regierungschef Liechtensteins. Gemeinsam wollen sie zeigen, dass ein international relevantes Krebs-Biotech auch in Buchs entstehen kann.
Gegründet wurde Humion 2023 von Lukas Flatz, Omar Hasan Ali und Fiamma Berner. Das Gründerteam bringt Erfahrung aus klinischer Onkologie, Krebsimmuntherapie, Tumorbiologie und T-Zell-Forschung zusammen. Daniel Risch kam im Februar 2026 als Late Co-Founder dazu und baut vor allem die strategische und betriebswirtschaftliche Seite des Unternehmens mit auf.

Die Antworten liegen bei den Patienten
Humion beginnt bei sogenannten Super-Respondern: Krebspatienten, deren Immunsystem selbst sehr gute Immunantworten auf eine Krebserkrankung geben. Flatz beschreibt ihre T-Zellen als Zellen mit „besseren Ferngläsern“ – sie erkennen und bekämpfen Tumorzellen besonders effizient. Humion versucht herauszufinden, was diese Immunantwort besonders macht und ob sich daraus Therapien für jene Patienten entwickeln lassen, deren Körper diese Antwort nicht selbst hervorbringt.
Im Labor habe das Team charakteristische Signaturen solcher T-Zellen bereits isolieren können. Das ist der Anfang, nicht der Beweis. Offen ist, ob daraus eine Therapie entstehen kann, die auch bei anderen Menschen funktioniert. Humion will deshalb seine Biodatenbank auf mehr als 100 Super-Responder ausbauen, einen Therapiekandidaten finalisieren und die notwendigen Sicherheitsstudien abschließen. Danach soll der Schritt in die Klinik folgen.
„Unser grösster Engpass ist schlicht die Zeit bis zum First-in-Human.“
Lukas Flatz
Geld kauft Zeit
Bemerkenswert ist, dass die aktuelle Finanzierung ungefähr bis zu diesem Punkt reichen soll. Wie viel Kapital Humion bislang aufgenommen hat und wer investiert hat, veröffentlicht das Unternehmen nicht. Risch sagt allerdings, man habe bewusst kein klassisches Wagniskapital gesucht. Gewollt seien Investoren gewesen, die dem Team und der Forschung Zeit geben.
Wohin das Geld fließt, beziffert Humion ziemlich genau: Rund 30 Prozent gehen in Forschungspersonal, 30 Prozent in Infrastruktur und eigene Entwicklung, weitere 30 Prozent an externe europäische Partner mit spezialisiertem Know-how. Zehn Prozent bleiben als operative Reserve.
Darin steckt die wirtschaftlich interessante Seite von Biotech. Humion verkauft heute noch kein Krebsmedikament. Das Kapital finanziert zunächst Erkenntnis. Aus einer Beobachtung soll ein Therapiekandidat werden, aus dem Kandidaten sollen belastbare Daten entstehen. Jeder erfolgreiche Schritt reduziert Unsicherheit – und kann den Wert dessen erhöhen, was Humion entwickelt.
Risch möchte Firma und Therapie möglichst lange eigenständig vorantreiben. Für große klinische Studien und eine spätere Zulassung rechnet er aber damit, irgendwann mit größeren Partnern zusammenzuarbeiten. Kapital kauft Humion also Zeit. Diese Zeit muss das Unternehmen in Wissen verwandeln.

Der Markt zeigt, dass es funktionieren kann
Humion entwickelt seine Therapie nicht in einem völlig unerprobten Feld. TCR-basierte Krebsmedizin hat den Sprung zum Patienten bereits geschafft. Immunocore vermarktet mit Kimmtrak eine TCR-basierte Therapie, die inzwischen in 39 Ländern zugelassen ist. Immatics aus Tübingen und Houston entwickelt ebenfalls TCR-basierte Therapien gegen solide Tumoren; die Phase-3-Studie mit Anzu-cel läuft und soll nach Unternehmensplanung Richtung Zulassungseinreichung 2027 führen.
Für Humion ist das Wettbewerb – aber auch Bestätigung. Andere Unternehmen haben bereits gezeigt, dass TCR-basierte Ansätze bis zum Patienten gelangen können. Humion muss das Feld also nicht neu erfinden. Entscheidend wird sein, ob der eigene Zugang zusätzliche Möglichkeiten eröffnet.
Flatz sieht die Besonderheit im Ausgangspunkt: Humion beginnt bei Patienten, deren Immunsystem bereits außergewöhnlich gut reagiert hat. Aus diesen Antworten sollen neue Ziele und Therapiekandidaten abgeleitet werden. Ob daraus auch ein schwer kopierbarer Vorteil entsteht, müssen die kommenden Daten zeigen.
IN ZAHLEN
2023
gegründet
200
km – Radius für Forschung, Kliniken und Partner
2
Jahre bis zum geplanten First-in-Human
Vom Regierungschef zum Biotech-Unternehmer
Ab hier geht es nicht mehr nur um Forschung. Jetzt muss aus der Idee ein Unternehmen werden – und genau dafür ist Daniel Risch da. Er und Flatz kennen sich noch vom Liechtensteinischen Gymnasium. Als ihn das Gründerteam fragte, ob er bei Humion einsteigen wolle, ging es nicht um T-Zellen, sondern um Unternehmensaufbau: Investorensuche, Finanzen, rechtliche Fragen und Organisation. Heute ist Risch Verwaltungsrat und Late Co-Founder.
Humion braucht schließlich nicht nur Forschung. Es braucht Verträge, Kapital, externe Entwicklungspartner und die richtigen Menschen. Bis Ende 2026 plant das Unternehmen mit drei Angestellten zusätzlich zu den Gründern, mittelfristig mit rund fünf Experten. Die Suche sei bislang leichter gewesen als erwartet, sagt Risch. Das Netzwerk der Gründer helfe, ebenso die Aussicht, früh an einer neuen Therapieentwicklung mitzuwirken.
Das ist eine andere Form von Wertschöpfung, als sie am Bodensee häufig sichtbar ist. Nicht Hunderte Mitarbeiter und große Produktionshallen entscheiden zunächst über den Wert. Es sind wenige Menschen mit sehr spezialisiertem Wissen, Daten und möglicherweise später eigene Therapiekandidaten und Schutzrechte.
Warum Buchs?
Wer in der Schweiz an Biotech denkt, denkt schnell an Basel: Pharmaunternehmen, Investoren, spezialisierte Dienstleister und Fachkräfte sitzen dort dicht beieinander. Humion baut sein Labor trotzdem in Buchs auf. Die Gründe sind zunächst pragmatisch. Der Standort ist für die Gründer gut erreichbar, am Med Tech Campus war ein eigenes Labor verfügbar, St.Gallen und Zürich sind nah. Flatz betrachtet den relevanten Raum ohnehin größer. Innerhalb von rund 200 Kilometern finde Humion Universitäten, klinische Partner und Laborinfrastruktur – von Zürich und Basel über Tübingen bis München und Innsbruck.
Das ist ein anderes Standortmodell. Buchs muss nicht alles selbst bieten. Das Labor steht hier, Spezialwissen und Partner kommen aus einem grenzüberschreitenden Netzwerk. Genau darin liegt eine Chance für den Bodensee. Hochspezialisierte Unternehmen müssen möglicherweise nicht dort entstehen, wo bereits alles vorhanden ist. Entscheidend ist, ob sie von ihrem Standort aus auf die richtigen Menschen, Kliniken, Kapitalgeber und Partner zugreifen können.
Sollte Humion eines Tages deutlich wachsen, wird allerdings auch entscheidend, ob diese Menschen hier leben wollen. Dann zählen Wohnungen, Schulen, Erreichbarkeit, Jobs für Partner und andere Unternehmen derselben Branche genauso wie der Arbeitsplatz selbst.
„Wir sehen die Bodenseeregion als unsere Heimat und haben den Wunsch und das Ziel, hier ein tolles Biotech-Unternehmen aufzubauen.“
Daniel Risch
Der Bodensee muss dafür nicht das nächste Basel werden. Vielleicht funktioniert ein anderes Modell: kleine, hochspezialisierte Unternehmen, die hier ihre Basis haben und Forschung, Kapital und Partner international verbinden.
„Smart Casino“
Garantiert ist der Ausgang trotzdem nicht. Flatz sagt, Labor, Investoren und neue Teammitglieder seien bislang überraschend gut zu finden gewesen. Die schwierigeren Hürden könnten erst noch kommen.
„Biotech ist gewissermassen Smart Casino – eben auch Casino.“
Lukas Flatz
Man könne scheitern und vieles verlieren. Der Satz klingt hart, beschreibt aber auch, warum Biotech-Unternehmen so viel in Forschung investieren: Wissen kann das Risiko nicht beseitigen, aber Schritt für Schritt kleiner machen. Für Humion ist der nächste dieser Schritte klar. In rund zwei Jahren soll der erste eigene Kandidat am Menschen getestet werden. Gelingt das, wäre es zunächst eine neue Perspektive für Patienten – und für Humion der Nachweis, dass aus seiner Forschung tatsächlich ein klinischer Kandidat entstehen kann.
Für den Bodensee könnte noch etwas anderes sichtbar werden: dass hier Unternehmen entstehen können, deren wichtigste Ressourcen nicht Maschinen und Stückzahlen sind, sondern wenige hochspezialisierte Menschen, Wissen und eigene Technologie. Humion müsste dafür nicht das nächste Basel werden. Es würde reichen, wenn Buchs zeigt, dass aus Forschung, wenigen Spezialisten und einem internationalen Netzwerk auch am Bodensee ein relevantes Biotech-Unternehmen entstehen kann.




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